home

Teil 7

 

Kolumbus’ Tod 1506 • Francis Drake auf Santo Domingo • Hernando Colón (1488—1539) • Don Luís Colón (1522—1572) • In den Händen der Gesellschaft Jesu • Die Veröffentlichung der vera relatione 1571 • SCHLUSSWORT

 

Kolumbus’ Tod 1506

Christoph Kolumbus litt gegen Lebensende an einer starken Form der Gicht. Dies hinderte ihn nicht, im Mai 1505 eine beschwerliche Reise von Sevilla an den königlichen Hof zu Segovia anzutreten. Dort bat er um eine Audienz mit Ferdinand von Aragon – mit dem Ziel, die Privilegien seiner Familie zu sichern. Doch dieser empfing ihn „frostig und seinem Vorhaben abgeneigt“ (Hernando Colón, Kap. 108). Kolumbus schrieb, dass der König „nicht willens ist, das einzuhalten, was er zusammen mit der Königin mündlich wie schriftlich versprochen hat“ (Kolumbus, Brieffragment an Diego de Deza ). Ferdinand von Aragon hatte dem Entdecker den Vorschlag gemacht, seine Rechte in Übersee gegen ein grosses Stück Grundbesitz in Kastilien einzutauschen. Doch Kolumbus lehnte entschieden ab.

Kolumbus’ Tod, Gemälde Rodriguez Losada,
Kloster von La Rábida
Der Entdecker starb im Beisein seiner engsten Vertrauten an Auffahrt 1506 (20. Mai) in Valladolid.
In den folgenden Jahren verhinderte Ferdinand die geplante Ehe des Erbfolgers Diego Colón mit der Tochter des Herzogs von Medina Sidonia – der König verheiratete den Kolumbus-Erben stattdessen mit seiner eigenen Cousine María de Toledo y Rojas aus dem Hause Alba. Diego Colón amtierte in den Jahren 1509–1515 und 1520–1523 in Santo Domingo als Vizekönig; nach seinem Tod 1526 reduzierte der Indienrat (Consejo de Indias) in Sevilla die erblichen Rechte der Nachkommen Kolumbus’ auf die noch heute existierenden Titel des Herzogtums von Veragua (Panama) und der Markgrafschaft Jamaika.

 

Francis Drake plündert Santo Domingo


Kolumbus’ Tod und Begräbnis sind beinahe so rätselhaft wie seine Geburt und Herkunft. Zwar ist der Todestag bekannt (20. Mai 1506), doch sein Grab ist bis heute verschwunden. Seine Schwiegertochter María de Toledo y Rojas hatte seine Gebeine einst mit Einwilligung Karls V. nach Santo Domingo überbringen lassen (sie vollstreckte damit den letzten Willen ihres verstorbenen Ehemannes Diego Colón). Dort wurden die Gebeine im Chor der Kathedrale beigesetzt – in einer vom Kolumbus-Enkel Luís Colón ausgestatteten Familiengruft. Im Jahre 1564 nahm der englische Freibeuter Francis Drake die Stadt Santo Domingo ein. Er liess sich im Alcazar de Colón, dem Palast der Familie Colón, nieder und plünderte die Kathedrale – zwei Mönche, die dort Widerstand leisteten, wurden ermordet. Francis Drake war mit dem Auftrag angereist, sämtliche Insignien spanischer Macht zu konfiszieren: Gemäss einer Urkunde bezweckte Königin Elisabeth damit, ihren Widersacher Philipp II. zu demütigen; (Friear Keeler 1981, S. 244f.). Angesichts dieser Umstände ist nicht auszuschliessen, dass die verschwundenen und bis heute gesuchten Gebeine des Kolumbus damals nach England gelangten.

Elisabeth I. von England im Alter von 30 Jahren

Philipp II. von Spanien, Detail aus „la Gloria“ von Tizian

Angriff von Francis Drake auf Santo Domingo, handcolorierter Kupferstich von B. Boazio 1589
IIm 19. Jahrhundert war es zu einer intensiven Suche nach den sterblichen Überresten gekommen – damals noch in der Absicht, Kolumbus zu einem Heiligen zu machen und seine Gebeine zu Reliquien (z. B. Cocchia 1877). Doch intensive Recherchen ergaben, dass die Gebeine verschwunden waren: Sie befanden sich weder auf Santo Domingo noch auf Kuba, und auch nicht im spanischen Sevilla. 2006 wurde das Grab Hernando Colóns in der Kathedrale zu Sevilla exhumiert, um aufwändige DNA-Analysen zu machen – doch anbetrachts der Tatsache, dass Francis Drake Santo Domingo bereits im 16. Jahrhundert besetzt hatte und spätere Recherchen erfolglos blieben, wäre eine Spurensuche in den Beständen von Windsor Castle angebrachter.

 

Hernando Colón (1488—1539)

Hernando entstammte der Verbindung des Kolumbus mit der Córdobesin Beatrice de Henríquez de Harana. Als Page des Erbprinzen Juan genoss er am kastilischen Hof eine humanistische Erziehung und Ausbildung. Doch der Prinz und Hoffnungsträger des neuen Imperiums starb 1497 unerwartet. Kronbeamte Ferdinands von Aragon übernahmen die Regierungsgeschäfte und Hernando musste den kastilischen Hof unverzüglich verlassen. Sein Vater Christoph Kolumbus nahm den damals 14-jährigen auf seine letzte Entdeckungsfahrt mit. Auf der entbehrungsvollen Reise (1502—1504) wurde er zu seinem treusten Begleiter. Später verfasste Hernando Colóns eine umfangreiche Chronik über das Leben und die Taten seines Vaters, inklusive biographischer Hintergründe der legendären Fahrt. Doch diese seine Aufzeichnung gelten seit jeher als zweifelhaft. Hernando attackierte in seiner Chronik namhafte Chronisten – er wirft ihnen vor, die Wahrheit verschwiegen oder sie zugunsten der Regierung verdreht zu haben; die Vorwürfe richten sich nicht nur gegen die spanische, sondern ganz massiv auch gegen die italienische Geschichtsschreibung. So widerlegte Hernando „zwölf Lügen“ des Genueser Bischofs Giustiniani; letzterer hatte sich in seiner Darstellung der Gebrüder Colombo auf einen internen Kommentar des Genueser Bankiers und Stadtchronisten Antonio Gallo gestützt (siehe: Adlige versus plebejische Abstammung). Noch heute widerstrebt es der Geschichtsschreibung, sich mit seinen Aussagen auseinander zu setzen: Hernandos uneheliche Geburt, angebliche Minderwertigkeitskomplexe und Verfälschungen werden bemängelt. Neuere Untersuchungen zeigen den jüngeren Kolumbussohn allerdings als einen humanistisch gebildeten, international bekannten Gelehrten und Büchersammler, der in seiner Zeit höchstes Ansehen genoss.

Grabplatte des Prinzen Juan
von Kastilien, D. Fancelli, in
der Kirche Santo Tomas, Avila
Nach dem Tod Kolumbus’ 1506 war Hernando Colón nach England und in die Niederlande gereist. Von hier aus durchquerte er zweimal Mitteleuropa bis nach Italien (1520–22 und 1531). In den Zentren des Buchdrucks nördlich und südlich der Alpen erwarb er während der Reformationszeit eine grosse Anzahl von Büchern und errichtete in Sevilla eine umfangreiche Bibliothek mit über 15'000 Werken. Wie aus seinem Testament hervorgeht, war es sein grösster Wunsch gewesen, die Sammlung nach seinem Tod allen Gelehrten der Welt öffentlich zugänglich zu machen. Hernando setzte sich auch für seinen Neffen Don Luís Colón ein, den ältesten Sohn seines Halbbruders Diego Colón. Er forderte für diesen Haupterben vor Gericht die Einhaltung des Kronvertrages von Santa Fé (1492) ein und initiierte Prozesse gegen die Krone.
Hernando forderte vor Gericht die Einhaltung des Kronvertrages von Santa Fé 1492 ein und initiierte zahlreiche Prozesse (pleytos) gegen die Krone. 1539 starb Hernando einen denkwürdigen Tod, denn er kannte den Zeitpunkt seines Todes bereits 50 Tage zum Voraus (Bericht an den 17-jährigen Luís Colón in Santo Domingo). Kurz vor seinem Tod hatte er eine umfangreiche Chronik, seinen wahren Bericht (vera relatione) über das Leben und die Taten seines Vaters vollendet. Gemäss eigenen Angaben wollte er u. a. zwölf Lügen des Genueser Bischofs Giustiniani widerlegen – letzterer hatte sich, was Hernando nicht wissen konnte, auf den unveröffentlichten, kurzen Kommentar (commentariolum) des Antonio Gallos gestützt (siehe: Adlige versus plebejische Abstammung)

Casas de Colón, Ausschnitt Stadtansicht Sevilla, A. Brambilla, 1585

Hernando Colón, anonym, Colombina, Sevilla,

1539 starb Hernando einen denkwürdigen Tod: Gemäss einem Bericht an den damals 17-jährigen Luís Colón in Santo Domingo kannte er seinen Todestag bereits 50 Tage im Voraus.

 

Don Luís Colón (1522—1572)

Don Luís Colón erbte von seinem Onkel Hernando Colón die grosse Büchersammlung und die „Casas de Colón“ ausserhalb der Puerta de Goles zu Sevilla (siehe Abb. oben Casas de Colón). Als Haupterbe des Kolumbus und zukünftiger Vizekönig war Luís im Alcazar de Colón in Santo Domingo aufgewachsen. Seine Mutter, Maria de Toledo aus dem Hause Alba, achtete sehr auf eine standesgemässe Verheiratung ihrer Kinder. Ihren ältesten Sohn Luís verheiratete sie mit einer Frau aus dem Geschlecht der Mosqueras aus Granada.
Nach dem Tod seiner Mutter verliess Luís seine Frau und reiste nach Kastilien, wo er in Valladolid die Prozesse gegen die Krone wieder aufnehmen wollte. Die Umstände waren allerdings keineswegs günstig. Spätestens nach der Abdankung Karls V. (1556) war Luís kein Spielraum mehr gegeben. Sein Verdienst war es immerhin, die Veröffentlichung der Chronik seines Onkels über das Leben des Kolumbus in die Wege zu leiten. Dieses Verdienst kann ihm, der als Antiheld in die Kolumbus-Historiographie einging, angesichts der nun folgenden Ereignisse nicht hoch genug angerechnet werden.

Alcazar de Colón, Santo Domingo
Luís Colón wurde 1558 im spanischen Valladolid wegen Verdachts auf Polygamie verhaftet. Er hatte zuvor in Rom die Annullierung seiner Ehe mit Maria de Mosquera beantragt. Doch im Vatikan überstürzten sich die Ereignisse: Zwei (Reform-)Päpste starben nach jeweils kurzer Amtszeit und der nachfolgende Papst Paul IV. aus dem neapolitanischen Geschlecht Caraffa ging in keiner Weise auf Luís’ Begehren ein. Mit seiner Bücherzensur bedrohte der einstiger Nuntius und Oberinquisitor in Spanien vielmehr das Erbe des Kolumbus-Enkels. Die Gegenreformation forderte ihre Opfer nicht zuletzt unter den Vermögenden und potentiell Mächtigen. Seit der päpstlichen Bulle licet ab initio (1542) waren Festnahmen auf Verdacht hin möglich. Privatpersonen konnten aufgrund von Gerüchten oder Denunziationen verhaftet und ohne Beweislast inhaftiert werden.

 

In den Händen der Gesellschaft Jesu

Luís Colón wurde wenige Monate nach seiner Verhaftung in Valladolid 1558 in die königliche Gefängnis-Festung von Simancas überbracht. Kerkermeister war Juan Mosquera de Molinas, ein Verwandter seiner Noch-Ehefrau und Abt des ersten Jesuiten-Ordens. Wie aus einem internen Bericht der Gesellschaft Jesu’ hervorgeht, erregte Luís’ Ankunft im Gefängnis grösstes Aufsehen. Es wurde protokolliert, dass der inhaftierte Admiral einer der „zügellosesten Menschen der Welt“ sei, dem man „grosse Ungeheuerlichkeiten“ vorwerfe. Er habe sich der Gesellschaft Jesu gegenüber zuerst sehr abweisend benommen und sogar die Beichte verweigert.

Francisco de Borja, Urenkel von Papst Alexander VI. und Ferdinand von Aragon, besuchte Luís Colón in seiner Zelle und wurde später heilig gesprochen

Schliesslich habe der jesuitische Generalkommissar Francisco de Borja ihn in der Zelle aufgesucht und durch intensive Gespräche bekehrt. Luís habe nun die notwendige ‚Frömmigkeit’ gezeigt und dem Generalkommissar versprochen, in Übersee ein Jesuiten-Kollegium zu gründen und der Gesellschaft Jesu’ die Erbschaft seines Onkels Hernando zu vermachen. Noch am selben Tag übermittelte der Sekretär der Jesuitengemeinschaft nach Rom, der Orden befinde sich nun im Besitze einer der berühmtesten Bibliotheken der Welt mit rund 14'000 Büchern!
.

In der Folge schmolz die Sammlung von Renaissance-Büchern auf einen Bruchteil ihres ursprünglichen Umfangs: Von den auf 15'300 geschätzten Büchern Hernando Colóns sind heute in Sevilla gerade noch 5000 vorhanden. Die „Schenkung“ des Luís erfolgte im selben Jahr wie die Veröffentlichung des „Index Librorum Prohibitorum“ (1559), des ersten Index verbotener Bücher von Papst Paul IV. Nichts spricht dagegen, dass die Jesuiten einen Teil der wertvollen Renaissance-Bibliothek in der Folge nach Rom weiterleiteten: Die Jesuiten waren an einer Vormachtsstellung in der Lateinamerika-Mission interessiert und Hernando Colón hatte die meisten seiner Werke während der Reformationszeit gekauft

Index Librorum Prohibitorum von Papst Paul IV.

 

Die Veröffentlichung des „wahren Berichts“ 1571

Nachdem Luís der Gesellschaft Jesu’ das Erbe seines Onkels Hernando vermacht hatte, erfüllte sich seine Hoffnung auf Freilassung nicht. Er wurde in eine Zelle nach Sevilla verlegt. Luís bemühte sich nun, das letzte ihm verbliebene Pfand seines grossen Erbes, das noch unveröffentlichte Manuskript seines Onkels Hernando Colón, weiterzureichen. Im Jahr 1560 reisten drei Männer aus Italien an, denen Luís das Manuskript zusammen mit 2600 Dukaten anvertraute: Baliano di Fornari, ein Genueser Adliger, Próspero Publicola, der spätere Kardinal von Santa Cruz, und der spanische Autor, Verleger und Übersetzer Alfonso Ulloa. Die drei reisten von Sevilla nach Venedig weiter, wo Alfonso Ulloa das Manuskript ins Italienische übersetzte (geplant waren auch Publikationen in spanischer und lateinischer Sprache). Doch 1568 geriet der Übersetzer Ulloa in Gefangenschaft. Er begann, verzweifelte Briefe an den spanischen König Philipp II. zu schreiben, betonte u. a., dass ihn seine Krankheiten von der Arbeit abhielten und er den nächsten Winter in seiner kalten Zelle in Venedig nicht mehr überleben werde. Doch Philipp II. hatte keinen Grund, sich für einen Untertanen einzusetzen: Ihm haftete der Makel der pro-französischen Spionage an (Ulloa war dafür bereits einmal zum Tode verurteilt worden). Ulloa vollendete die Übersetzung, starb aber kurz danach 1570 im Gefängnis. Das Original-Manuskript in spanischer Sprache ist seither verschwunden. Dies ist bedauerlich und es ist erstaunlich, dass noch nie danach gesucht wurde.
Aus einer zufällig gefundenen Korrespondenz (1570) zwischen dem Herzog von Alba Fernando Álvarez de Toledo und Peter Ernst von Mansfelt geht Interessantes hervor, nämlich dass Alfonso Ulloa im Gefängnis von Venedig zeitgleich an einem kritischen Kommentar über die spanische Besetzung der Niederlande gearbeitet hatte. Der Herzog von Alba schrieb, er werde Ulloa in seiner venezianischen Zelle verhören lassen und alle seine Bücher (todos libros) beschlagnahmen (vgl. die Korrespondenz des Herzogs von Alba mit Peter Ernst von Mansfield, Morel-Fatio 1913). Noch im selben Jahr 1570 starb Ulloa in seiner Zelle. In Zusammenhang mit der Drucklegung eines kleinen Buches (librillo) verweist der Herzog nun auf den oben genannten Kardinal von Santa Cruz (Próspero Publicola) und betont, dass sich Alfonso Ulloa als Sekretär in dessen Diensten befinde. 1571 wurde Hernandos „wahrer Bericht“ in Kleinformat (librillo) ediert – wenige Wochen, bevor Venedig sich der heiligen Liga Philipps II. anschloss und seine Unabhängigkeit verlor. Über den Kardinal ist nicht viel bekannt – ausser, dass er Nuntius am österreichischen und am französischen Hof gewesen war, bevor er unter dem Konzilspapst Pius IV (1559—65) eine steile Karriere machte. Falls es dem Herzog von Alba nicht gelungen war, das Manuskript rechtzeitig zu beschlagnahmen und es in die Hände des Kardinals gelangte, so könnte es sich heute folglich in Rom befinden.

Frontspitz und Einleitung von Hernando Colóns Chronik, Venedig 1571 (Faksimile 1992)
Die Chronik Hernandos wurde 1571 schliesslich als „Historie“ bei Franceschi Sanese (Venedig) gedruckt. Die Einleitung schrieb ein gewisser Guiseppe Moleto (1531—1588), ein süditalienischer Astronom und Hauslehrer des Fürsten Guglielmo Gonzagas III. von Mantua (1538—1587). Mantua pflegte damals Beziehungen zur Genueser Adelsfamilie Fieschi und zum Herzogtum Montferrat; letzteres war von Margherita Paläologa (1510—1566) einst in ihre Ehe mit dem Fürsten von Mantua eingebracht worden. Ihrem Wappen zufolge war sie eine verarmte Nachkommin der Könige von Jerusalem (Re de Gerusaleme) als auch der Imperatori d’ Oriente, der griechischen Dynastie der Paläologen. Aus dem Montferrat stammte übrigens auch ein gewisser Baldassare Colombo, der 1572 nach Spanien reiste, um einen Prozess um die Erbfolge des Kolumbus zu initiieren (er gab an, mit dem Entdecker verwandt zu sein). Guglielmo Gonzaga III. von Mantua unterstützte ihn in dieser Mission nachweislich.

 

SCHLUSSWORT

Christoph Kolumbus’ Werdgang ist rätselhaft: Wie war es möglich, dass ein unbekannter Seefahrer ausländischer Herkunft sich von den spanischen Königen den Vizekönigs-, den Admirals- und Gouverneurstitel ausbedingen konnte? Kolumbus schrieb sich prophetische Fähigkeiten zu und beliebte, seine Entdeckung als Werk der göttlicher Vorhersehung zu präsentieren. Die rasche Übersetzung seines euphorisch-propagandistischen Berichts der ersten Entdeckungsreise ins Lateinische (Rom 1493), Italienische und Deutsche (Basel 1494) erweckte internationale Aufmerksamkeit.
Kolumbus musste, wollte er das Überleben seiner Familie in Spanien sichern, auch vieles verschweigen. Er hatte gute Gründe, sich zurückzuhalten, wenn es darum ging, seine Vergangenheit zu erhellen. Seit dem Vorwurf des Hochverrats und seiner Entmachtung (1500) schwieg er sich über sein früheres Engagement gegen Aragon aus. Nach seinem Tod wurde es noch schwieriger, seinen ursprünglichen Werdegang zu erhellen. Zwar konnte Hernandos Chronik als kleinformatige Übersetzung gedruckt werden (1571) und darin sind durchaus Aussagen enthalten, die auf Kolumbus direkt zurückgehen. Doch der Kolumbussohn hatte sich mit der spanischen und italienischen Geschichtsschreibung angelegt; und zudem erhielt er Unterstützung von der „falschen“ Seite: vom „Nestbeschmutzer“ Bartolomé de Las Casas.
Aus der Chronik Hernando Colóns lassen sich einige interessante Details herauslesen: Christoph Kolumbus, seine Brüder und seine Vorfahren gehörten einst zu den Gefolgsleuten der mittelalterlichen Dynastie der Anjous; sie dürften deshalb in der Wissenstradition dieses Hauses gestanden haben. Dieses Fürstengeschlecht hatte Europa in kultureller und politischer Hinsicht Jahrhunderte lang geprägt.
Die Anjous starben beim Versuch, Aragon militärisch die Stirn zu bieten, aus und die Provence und Süditalien fielen an Frankreich. Kolumbus wechselte in französische Dienste und gelangte dadurch nach Portugal, wo er seiner zukünftigen Frau Felipa Perstrello Moniza begegnete. Diese Adlige altem französischem und italienischem Kreuzrittergeschlecht stammte aus dem Umfeld Heinrichs des Seefahrers und verhalf ihm zu dem damaligen (Geheim-)Wissen bezüglich des Atlantiks. Nach einem Regierungswechsel musste Kolumbus Portugal schnell verlassen; er floh mit seinem Sohn Diego nach Andalusien, wo er sich den katholischen Königen in der Reconquista andiente. Nach der Einnahme Granadas 1492 erhielt er den Zuschlag für seine legendäre Atlantiküberqerung.
Nach dem Tod Isabellas von Kastilien (1504) sah sich Kolumbus gezwungen, sich seinem einstigen Gegner Ferdinand von Aragon unterzuordnen. Das Misstrauen indes blieb bestehen, sowohl bei Ferdinand von Aragon als auch bei Christoph Kolumbus. Im Gegensatz zum pragmatischen König betätigte sich der Genueser Seefahrer auf religiös-ideologischer Ebene und er blieb dabei keineswegs erfolglos: Die euphorische Beschreibung der leicht zu bekehrenden Indios bei gleichzeitigem Misstrauen gegenüber seinen spanischen Untertanen verfehlte ihre Wirkung bei den Zeitgenossen nicht. Die Brutalität der Spanier, von Bartolomé de Las Casas, dem Advokaten der Indios, eindrücklich an den Pranger gestellt, lieferte im 16. und 17. Jahrhundert England und den Niederlanden die (moralische) Rechtfertigung für eine Einmischung in Übersee.
Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich der Bogen von der ausgestorbenen Anjou-Dynastie zu den aufstrebenden Seenationen der Neuzeit spannen: Das Machtvakuum, das die Erben Kolumbus’ wegen der langen Gefangenschaft des Luís Colóns hinterliessen, wurde von den Feinden Habsburgs genutzt. 1586 besetzte Francis Drake die Stadt Santo Domingo und im 17. Jahrhundert liess sich der englische Freibeuter Henry Morgan auf der Markgrafschft Jamaika nieder, einem Besitztum der Familie Colón. Von hier aus überfiel er regelmässig die aus Südamerika zurückkehrende, spanische Silberflotte.
Die Vorstellung vom paradiesischen Urzustand, in denen die Indios als „edle Wilde“ Protagonisten waren, geht auf die von Las Casas redigierte Bordbuchaufzeichnung des Kolumbus zurück. Sie diente den theologischen, philosophischen und juristischen Diskursen der Aufklärung. Das „Verdienst“ des Kolumbus liegt denn auch hauptsächlich in der Schaffung neuer Projektionsflächen für Utopien, die in späteren Jahrhunderten zum Ventil für unhaltbare Zustände in Europa wurden und die die Phantasie auswanderungswilliger Europäer beflügelten.
Wenn heute erneut auf die Bilder des Las Casas zurückgegriffen wird (und es wird), so sollte dies im Bewusstsein einer historisch gewachsenen Rezeption geschehen, deren Ursprung nicht zuletzt auf den von mittelalterlichen Vorstellungen beflügelten Kolumbus zurückgeht. Die Schwarz-Weiss-Malerei des Mönches spiegelt ein Europa des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit, das nicht zuletzt in religiösen Fragen zutiefst gespalten gewesen war. Die ursprüngliche Absicht des Las Casas, das Leid der Indios mit neuen radikalen Gesetzen und drastischen Massnahmen zu beseitigen, um sie zu wahren Christen zu machen, ging alsbald vergessen und verkam zu einem willkommenen Propagandainstrument gegen das habsburgische Weltreich. Die radikalen Aussagen von heute haben somit wenig zu tun mit den radikalen Aussagen von früher.

zurück
home