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Teil 5

 

Die Jahre in Portugal (1476—1485) • Expedition nach „oltra Tile" • Sagen und Legenden des Atlantiks • Das Ende der Korsaren • Flucht nach Andalusien

 

Die Jahre in Portugal (1476—1485)

Christoph Kolumbus heiratete in Portugal Felipa Moñiz Perestrello, eine Frau aus altem portugiesisch-französischen Kreuzrittergeschlecht. Sie wurde die Mutter seines ältesten Sohnes und späteren Nachfolgers Diego Colón.

Kirche des Convento do Carmen,
Familiengrab von Isabel und Felipa
Moñiz (1755 vom Erdbeben beschädigt)
Seine Schwiegermutter hiess Isabel Moñiz und war die Witwe Bartolomeu Perestrellos, des verstorbenen Gouverneurs der Insel Porto Santo. Die Perestrellos waren ebenfalls Adlige: Sie stammten ursprünglich aus Italien und gehörten zum Umkreis Heinrichs des Seefahreres (siehe:Mitglied des Templerordens?). Bartolomeus Bruder Richarte war Prior von Santa Marinha zu Lissabon und seine zwei Schwestern Isabel und Franca waren die Mätressen des einflussreichen Erzbischofs Pedro de Noronha.
Gemäss Hernando Colón zeigte Isabel Moñiz dem zukünftigen Entdecker die Seekarten ihres verstorbenen Mannes Bartolomeu Perestrello.

Paolo dal Pozzo Toscanelli, Fresko von
G. Vasari, Palazzo Vecchio, Florenz
Christoph Kolumbus und sein Bruder Bartolomeo nahmen in den folgenden Jahren an mindestens einer Expedition nach Westafrika teil und wurden dabei auf ein faszinierendes Projekt aufmerksam: auf die Erschliessung der lukrativen Märkte Asiens und Indiens auf dem Seewege. Kolumbus nahm Kontakt mit dem Florentiner Arzt Paolo dal Pozzo Toscanelli (1397–1487) auf, der Kolumbus postwendend zu seinem „edlen und grossen Wunsch“ gratulierte, den Atlantik überqueren zu wollen, um den Grosskhan bzw. den „König der Könige“ zu sprechen. Toscanelli liess ihm von Rom aus eine (heute verlorene) Seekarte nach Portugal schicken.
Im Nachhinein bezeichnete Christoph Kolumbus seine Strandung am Kap von San Vicente 1476 als ein wundersames Zeichen Gottes. Auf dem Höhepunkt seiner Macht zeichnete er eine Skizze für ein Gemälde, das mit den Stilmitteln der Renaissance die historische Bedeutsamkeit seiner Entdeckungsfahrten illustrieren sollte.

Zeichnung, die Ch. Kolumbus zugeschrieben wird, B. N., Paris
Das Gemälde wurde nie gemalt und ist dennoch aussagekräftig: Auf dem Bild steuert Colombo (Figur rechts) eine Karavelle durch die Wogen; dies unter einem schwebenden Engel, auf dessen Fanfarenbanner Genova (oben) geschrieben steht. Neben ihm sitzt auf gleicher Höhe der Rey Católico Ferdinand von Aragon (Figur links). Allerdings sind es weniger die Winde, die das Schiff vorantreiben, denn eine explosive Mischung aus Feuer und Rauch im Schiffsrumpf.

 

Expedition nach "oltra Tile"

Kolumbus nahm im Februar 1477 an einer Fahrt in den nördlichen Westatlantik teil. Gemäss eigenen Angaben segelte er über Island hinaus, bis zu einer Insel von der Grösse Englands. Für die siebziger Jahre ist eine dänisch-portugiesische Expedition dokumentiert, die bis nach Grönland gelangt war. Die Armada wurde ausgerüstet, um den Engländern bzw. den Seeleuten aus Bristol Einhalt zu gebieten; diese segelten in den Westatlantik und stiessen bis weit in dänische Fischgründe vor. Die Aufgabe der Ko-Expedition war es, das Hoheitsgebiet der Dänen neu zu markieren und an der Ostküste Grönlands Grenzsteine zu setzen. Siehe hierzu den Artikel in englischer Sprache: „Was Christopher Columbus in Greenland before he discovered America?“ (siehe: Essay)

 

Sagen und Legenden des Atlantiks

Gemäss Hernando Colón liess sich Christoph Kolumbus von der Sankt Brendans Saga der irischen Mönche stark beeindrucken.

Meerfahrt des hl. Brendan, Codex Palatinus
Germanicus 60, 179
Die Sage knüpft an die Endzeitmystik der spätantiken Christenverfolgungen an und besagt, dass der heilige Brendan (ca. 486—580 n. Chr.) aus der westirischen Grafschaft Galway mit seinen Männern auf das Meer hinaus segelte, um im Westen das verheissene Land der Heiligen (terra repromissionis sanctorum) zu entdecken. Die irischen Seefahrerpilger kannten damals noch die ptolemäische Weltauffassung und wussten um die Kugelform der Erde; eine Atlantiküberquerung ist deshalb nicht ausgeschlossen.
 
Kolumbus kannte auch die Legende der sieben christlichen Bischöfe: Diese waren angeblich in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts, zur Zeit der maurischen Eroberung Portugals, auf Schiffen in den Atlantik hinaus geflohen. Nach einer abenteuerlichen Fahrt ins offene Meer hinaus sollen sie auf der Insel Antilia (anta-ilha = Gegeninsel) gelandet sein, wo sie sieben christliche Städte gründeten.
Karte mit Antilias, A. Bianco, Venedig 1436, B. N. Paris

 

Das Ende der Korsaren

Nach dem Tod Karls des Kühnen 1477 bei Nancy liess der französische König Louis XI. Burgund besetzen, doch es gelang ihm nicht, das reiche Flandern einzunehmen. Guillaume de Casenove alias Colomb soll im Winter 1478/79 zusammen mit anderen Seeräubern (escumeurs de mer) von der Normandie aus bis zu achtzig flandrische Schiffe gekapert haben (Salvagnini 1894, S. 167). Danach zog er sich 1480 auf sein Landgut Gaillartbois in der Nähe von Rouen zurück, wo er kurz darauf starb. Der französische König hatte am 9. Januar 1478 einen Frieden mit Venedig geschlossen; von nun an war der Nutzen der einst gefürchteten Korsaren gänzlich in Frage gestellt. Zwar unterzeichnete Louis XI. am 10. Juli 1483 eine letzte Verordnung für den Bau von neuen Schiffen und Galeeren – er wollte seinen Traum einer mächtigen Levante-Flotte verwirklichen (Roncière 1914, S. 390). Doch die Tage des Monarchen waren gezählt: Seit März 1481 litt er an heftigen Schüttelanfällen und bereits im September 1482 hatte er in Florenz nach einer Arznei gegen Hautgeschwüre (poix loupins) suchen lassen; laut der chronique scandaleuse Jean de Royes schreckte Louis XI. selbst von den fragwürdigsten Wundermitteln nicht zurück.

Louis XI., C. d’Amiens, Château
de Saint-Roche
Schliesslich schickte er am 8. Juli 1483 Columbus den Jüngeren mit drei Schiffen und 300 Mann Besatzung auf die Kapverdischen Inseln, damit man ihm von dort das Fleisch von Wasserschildkröten besorge – gemäss damaliger Auffassung vermochte dieses die Lepra zu heilen (Anghiera 1972, Buch VI, S. 84). Doch der französische König starb noch im Jahr 1483 – mehrere Monate, bevor Georg Paläolog alias Columbus der Jüngere von der westafrikanischen Küste zurückkehrte. Dass der spätere Entdecker ihn dorthin begleitet hatte, ist nicht ganz ausgeschlossen; denn Kolumbus hatte sich zwischen 1478 und 1484 tatsächlich auf den Kapverdischen Inseln aufgehalten.

 

Flucht nach Andalusien

1484 lief der in den Rosenkriegen geschlossene Friede von Picquigny ab und es herrschte wieder Krieg zwischen England und Frankreich. So kam es im Winter 1484/85 zu einer zweiten grossen Seeschlacht in der Nähe des Kaps von San Vicente im Südwesten Portugals. Am Vortag der Schlacht bei Bosworth im englischen Leicestershire (21. August 1485) eröffneten unter dem Oberbefehl von Columbus dem Jüngeren sieben Schiffe das Feuer auf vier Handelsschiffe der Republik Venedig, die von Flandern zurückkehrten.

Seeschlacht, H. Burckmaier, um 1520
Wie den venezianischen Geheimdienstakten zu entnehmen ist, war im August 1485 auch ein Cristoforo Colombo corsaro mit von der Partie, der im Auftrag von Papst Sixtus IV. gehandelt habe; der Savoneser Papst hatte die Republik Venedig tatsächlich kurz zuvor exkommuniziert – wegen der für den Kirchenstaat zu expansiven Oberitalienpolitik Venedigs (Salvagnini 1894, S. 132.). Hernando Colón, der pauschalisierend von gegnerischen Schiffen Venedigs spricht, vermengte diese Seeschlacht mit der früheren von 1476.
Der portugiesische König João II. unterstützte die angegriffenen Venezianer mit allen Mitteln, als diese in Lissabon eintrafen – davon wusste auch Hernando Colón zu berichten, der seine Informationen vom venezianischen Chronisten Sabellico bezog.

Kloster von La Rabida
Tatsächlich hatte er sich im Jahre 1484 bereits mit der mächtigen Seestadt Venedig verbündet. Ein Verbleib in Portugal war für Christoph Kolumbus ab 1485 aus verschiedenen Gründen nicht mehr denkbar: In Portugal war es zu Adelserhebungen gegen die Regierung João II. gekommen, und die portugiesische Aristokratie hatte sich, um der blutigen Rache des Königs zu entgehen, teilweise bereits ins benachbarte Kastilien abgesetzt. Kolumbus floh mit seinem noch minderjährigen Sohn im Winter 1484/85 ebenfalls nach Andalusien. Die Algarve war ein altes Besitztum der Familie Moñiz und im Grenzgebiet zwischen Portugal und Spanien hatten immer noch die Herzöge und Adligen das Sagen.
Violante Moñiz, die Schwester von Kolumbus’ unterdessen verstorbener Ehefrau Felipa Moñiz Perestrello, hielt sich bereits in Palos de la Frontera am Ufer des Rio Tinto auf. In der Nähe befand sich das Kloster La Rabida, wo Kolumbus’ Projekt einer Atlantiküberquerung mit grossem Interesse aufgenommen wurde.
Palos am Rio Tinto (gegenüber Huelva), Steg von 1492, nachgebaut

Isabella von Kastilien, Gravur in den Protokollen des Klosters Las Cuevas, Sevilla. Academia Real de la Historia, Madrid

Der Genueser Seefahrer suchte den Kontakt mit dem kastilischen Hof. Doch als er sein Pläne vorstellte, verhöhnten ihn angeblich alle Anwesenden – mit Ausnahme der Königin Isabella von Kastilien, der Gott „espiritó de inteligençia“ verliehen habe. Dieser Begriff bezieht sich auf das Verständnis tiefer liegender, religiöser Zusammenhänge und steht in Zusammenhang mit der endzeitlichen Prophetie des süditalienischen Zisterzienser-Abt Joachim di Fiore (gest. 1202). Laut Kolumbus soll di Fiore gesagt haben, dass derjenige, der auserwählt sei, das Haus des Berges Zion wiederaufzubauen, von Spanien aus aufbrechen müsse.

Diego de Deza, anonym,
17. Jh., Sevilla, Colombina
Kolumbus’ Projekt wurde in der Folge kontrovers diskutiert: vom Befürworter Fray Diego de Deza und von Hernando de Talavera, dem späteren Erzbischof von Granada (letzterer war ein entschiedener Gegner des Projekts). Kolumbus trat in den Sold der spanischen Krone und beteiligte sich an der Reconquista, der christlichen Wiedereroberung Spaniens: Er nahm an den Belagerungen Murcias, Malagas und Bazas teil. Sein Bruder Bartolomeo Colombo befand sich immer noch in Portugal und nahm an der Erstumsegelung des Kaps der Guten Hoffnung unter dem Kommando des portugiesischen Kapitäns Bartolomeu Dias teil.
Als die Seefahrer zurückerwartet wurden, liess König João II. am 20. März 1488 einen Freibrief an Christoph Kolumbus überbringen. In diesem bezeichnet er ihn als unseren besonderen Freund (noso especial amigo), dessen Tüchtigkeit und Talent man in Portugal immer noch gebrauchen könnte; trotz einiger Angelegenheiten, in die er, Kolumbus, verwickelt gewesen sei, habe er seitens der portugiesischen Justiz nichts mehr zu befürchten: Dieses Schreiben sei Befehl an alle Gerichtspersonen, ihn nicht zu behelligen. Es ist ungewiss, ob Kolumbus in der Folge nach Lissabon reiste, um seinen zurückkehrenden Bruder zu treffen. Denn im selben Jahr gebar ihm die Cordobesin Beatrice Henríquez de Harana seinen zweiten Sohn Hernando Colón.

Granada Geraldini di Amelia, päpstlicher Legat in
Spanien 1491
1491 wurde Christoph Kolumbus in Kastilien ein weiteres Mal zurückgewiesen. Der päpstliche Legat Alessando Geraldini da Amelia erinnert sich später, Kolumbus habe sich in einen theologischen Disput verstricken lassen und sei in der Folge sogar der Ketzerei bezichtigt worden. Nach der Einnahme der Stadt Granada im Frühjahr 1492 wollte sich Kolumbus nach Frankreich einschiffen lassen, denn dort hatte sein Bruder angeblich erfolgreich mit Louis XI.’ Tochter Anne de Beaujeu verhandelt. Spanische Herolde griffen ihn jedoch kurz vor seiner Abreise auf und brachten ihn ins Heerlager von Santa Fé bei Granada; dort handelte er mit den Reyes Católicos Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon den berühmten Vertrag von Santa Fé aus.
Dieser Vertrag von Santa Fé wurde im April 1492 unterzeichnet, im selben Monat als auch die Ausweisung von Juden und Moslems aus Spanien angeordnet wurde. Die im Vertrag von Santa Fé enthaltenen, weitreichenden Privilegien für Kolumbus (Admirals- und Vizekönigstitel, finanzielle Beteiligung etc.) waren erblich und hatten auch für seine Nachkommen Gültigkeit.
 


Katholische Könige und Kardinal Mendoza marschieren in Granada ein 1492, Altarschnitzerei, Capilla Grande,


Granada Allegorie auf die Ausweisung Andersgläubiger
aus Spanien 1492, H. Schedels Weltchronik

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