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Teil 3


Die Colombos zu Genua • Im Dienste Renés von Anjou • Eine Reise in die Levante • Jacques Coeur • Die Korsaren Columbus • Georg Paläolog alias Columbus der Jüngere • Schiffsbruch bei Sagres 1476

Die Colombos zu Genua

Christoph Kolumbus’ Vater Domenico Colombo betätigte sich in der damals boomenden Branche der Textilproduktion und Wollverarbeitung. Gleichzeitig war er Lehensträger der guelfischen Adelsfamilie Fieschi, die dem Stadtkloster von Santo Stefano vorstand. Kolumbus’ lobte auf seiner letzten Entdeckungsfahrt den mitreisenden Bartolomeo Fieschi als ein Mitglied einer der wichtigsten Familien Genuas, die mit ihm verwandt sei (deudo conmigo). In den Jahren vor seinem Tod nahm der Entdecker Kontakt mit Gian Luigi Fieschi dem Älteren auf, dem Grafen von Lavagna und ehemaligen Admiral Frankreichs.

Kloster Santo Stefano in Genua
Kolumbus’ Mutter hiess Susanna Fontanarossa, Kolumbus’ Schwester Bianchinetta und seine Brüder hiessen Bartolomeo, Giacomo und Pellegrino. Kolumbus’ Vater Domenico Colombo hatte im Jahre 1447 tatkräftig mitgeholfen, die Fregoso-Dogen an die Macht zu bringen. Eine Urkunde belegt, dass er und sein Bruder Antonio Colombo als Dank dafür das lukrative Amt der Stadtturmbewachung erhielten. In der Mitte des 15. Jahrhunderts erfolgten Jahre des Wohlstandes für die Familie des zukünftigen Entdeckers von Amerika: Der französische König eröffnete nach 1447 eine Botschaft und schickte namhafte Besucher in die Hafenstadt. René von Anjou, der Graf von der Provence, und der reiche Reeder und Financier Jacques Coeur hatten im Hafen von Genua ihre Flotten und Truppen stationiert.
René von Anjou prägte seine Epoche in kultureller Hinsicht wie kein anderer: Auf seiner Burg im südfranzösischen Tarascon brachte er Ritterspiele zur Uraufführung, eine Mischung aus Turnier und Maskerade-Schauspiel, und wegen seiner selbst verfassten Gedichte und mystischen Allegorien ging René später sogar in die Literaturgeschichte ein. Der Anjou beschäftigte an seinem Hof jüdische Mathematiker und Ärzte wie Pierre Abraham Salomon und Jean de Saint Rémy, beides Vorfahren des Astrologen-Propheten Michel de Nostradamus (de nôtre Dame). Astrologie, Mystik und Kosmologie waren die von ihm am meisten geförderten Forschungsgebiete.

René von Anjou, Graf von der Provence, Miniatur B. N., Paris

René von Anjou mit Krone, in seiner Schreibstube, B.N. Paris
Nach dem Tod der Jeanne II. von Anjou in Neapel (1442) fiel Süditalien an Aragon. René von Anjou wollte jedoch nicht auf seine Erbrechte auf die Kronen Neapels, Siziliens und Jerusalems verzichten. Nach ersten missglückten Versuchen, Süditalien zurückzuerobern, schickte er seinen Sohn Johann von Kalabrien mit dessen Genueser Gefolgsleuten nach Neapel. Dort gelang es dem jungen Ferdinand von Aragon, dem späteren Auftraggeber Kolumbus’, die anrückenden Genuesen abzuwehren. Als die Flotte Johanns von Anjou nach Genua zurückkehrte, war der Hafen bereits von den Katalanen besetzt: Diese sorgten dafür, dass es 1461 in Genua zu einem blutigen Umsturz kam. Alle, die im Dienste Frankreichs oder der Provence standen, mussten die Hafenstadt fluchtartig verlassen. Darunter befand sich auch die Familie Colombo, die nach Savona ins Exil ging.

 

Im Dienste Renés von Anjou

Christoph Kolumbus wurde in der Folge ein Kapitän in der Flotte René von Anjous, des Grafen von der Provence . Gemäss seinem Brief vom Januar 1495, den er an die Reyes Católicos Isabella und Ferdinand gerichtet hatte, war er von König René (Re Reinel) beauftragt worden, die Galeasse Ferdinands von Aragon (galeaça Fernandina) zu kapern.

Galeasse zwischen Tunis und Sizilien,
S. Münster, Cosmographei, Basel 1550
Kolumbus schrieb, dass seine Mannschaft von einem schnell vorbeifahrenden Schiff gewarnt worden sei, die feindliche Galeasse stehe unter Begleitschutz. Hierauf hätten die Seeleute zu meutern begonnen und ihn aufgefordert, nach Marseille zurückzukehren, um Verstärkung zu holen. Doch er sei bei Nacht heimlich von der Insel San Pietro im Süden Sardiniens bis an die Küste Nordafrikas gesegelt. Am nächsten Tag, als die Sonne hervorkam, habe man bereits das Kap von Karthago bei Tunis gesichtet (Colombo 1992, Kap. IV, S. 8). Tatsächlich war Tunis ein beliebter Zufluchtsort für die Korsaren Renés; die Genueser Seefahrer genossen im Hoheitsgebiet des tunesischen Emirs Abu-Omar-Otman aufgrund eines alten Handelsbündnisses Schutz (Büdigner 1886, S. 44).
Im Jahre 1466 änderte sich die Situation: Die Katalanen erhoben sich gegen Ferdinand von Aragon und boten René von Anjou ihre Krone an. Der Krieg verlagerte sich dadurch ins Roussillon im Südwesten Frankreichs. Kolumbus betonte später gegenüber der spanischen Krone, dass er sich im Golf von Lyon gut auskenne. Tatsächlich ist nicht auszuschliessen, dass er damals zeitweise auf Seiten der Katalanen gekämpft hatte. Doch diese Verlagerung des Erbfolgekrieges nahm kein glückliches Ende: Renés Sohn Johann von Kalabrien starb 1470, kurz vor seinem sicheren Sieg, auf französischem Boden. Damit war das Ende der mittelalterlichen Anjou-Dynastie besiegelt: Von nun an war klar, dass die Provence an Frankreich fallen würde. Der französische König Louis XI. aus dem Hause Valois war der erbberechtigte Neffe von René von Anjou.
Christoph Kolumbus bezeichnete René von Anjou ausdrücklich als König René (Re Reinel) . Damit spielt er auf die Tatsache an, dass der letzte Anjou kurz vor seinem Tod (1480) die ersehnte Krone von Sizilien-Neapel und Jerusalem doch noch erhalten hatte – und dies von Ferdinand von Aragon, der damals dringend einen Frieden brauchte. In diesem Friedensvertrag von 1479 ist ausdrücklich von Genueser Korsaren die Rede: Deren Attacken, so legt der Vertrag fest, müssten als Gegenleistung für die Krone von Sizilien-Neapel unverzüglich eingestellt werden. Keine Frage: Kolumbus erinnerte seinen Auftraggeber König Ferdinand von Aragon 1495 daran, dass er mit ihm einen erfahrenen Kommandanten zur Seite hatte, der ihm einst gleichwohl stark zugesetzt hatte. Der König von Frankreich, dem das Anjou-Erbe zufiel, unternahm zwei Jahre nach der Entdeckung Amerikas einen ersten Feldzug nach Süditalien, weitere folgten zu Beginn des 16. Jahrhunderts.

 

Eine Reise in die Levante


Hafen von Chios, anonym. Marinemuseum Pegli
Gemäss einer Bordbuchnotiz hielt sich Kolumbus zu unbekanntem Zeitpunkt auf der Insel Chios im östlichen Mittelmeer auf. Hier hatte er gemäss eigenen Angaben beobachten können, welch grosse Gewinne die Ernten des Mastix-Harzes einbrachten. Das Harz des Mastix-Baumes diente im Mittelalter der Weihrauch- und Heilmittelherstellung; die Maonen, die genuesischen Kolonialgesellschaften, kontrollierten auf Chios den Markt dieses begehrten Rohstoffes.
Kolumbus betont, dass der Aufenthalt in der Levante ihn in erster Linie inspiriert habe: Durch Gespräche mit gelehrten Griechen, Juden und Mauren sei er zum Studium der Kosmographie angeregt worden. Von nun an habe ihn die Neugier gepackt, die Welt zu erkunden.

 

Jacques Coeur

Jacques Coeur (ca. 1395—1456) hatte Genua im Jahre 1447 mit Hilfe der ligurischen Familien Fieschi und deren Mitstreiter – darunter Kolumbus‘ Vater Domenico und dessen Bruder Antonio – für René von Anjou eingenommen. Dieser Kaufmannssohn aus Bourges war Hoflieferant des französischen Königs und deshalb an Luxusgütern wie Edelmetallen, Seide, Gewürzen und Heilmitteln aus dem Orient besonders stark interessiert. Er brachte die französisch-genuesische Handelsflotte wieder auf Vordermann und es folgte eine atemberaubende Karriere. Sein Erfolg brach abrupt ab, als ihn der französische König – der unterdessen zu seinem Hauptschuldner geworden war – in Haft nahm. Zwar gelang es Coeur, dem Gefängnis zu entfliehen und auf einer abenteuerlichen Flucht mehreren Mordanschlägen zu entgehen, doch er hatte seinen Zenit bereits überschritten. Immer noch auf der Flucht, begab er sich nach dem Fall Konstantinopels 1453 mit dem Segen des Papstes Calixtus III. mit 16 Galeeren auf einen Kreuzzug in die Levante. Im Jahre 1456 starb Jacques Coeur auf der genuesischen Kolonie Chios. Je nach Geburtsdatum ist eine Teilnahme Kolumbus’ an diesem Kreuzzug nicht ganz ausgeschlossen. Sehr wahrscheinlich reiste Kolumbus aber erst in den frühen siebziger Jahren nach Chios, als sich der französische König Louis XI. vornahm, den Gewürzhandel in der Levante mit Hilfe einer grossen franco-genuesischen „Compagnie“ unter seine Kontrolle zu bringen.

Jacques Cœur, musée de Berry Bourges

Fenster im chambre des galées, palais J. Cœur,
Bourges (im Hintergrund Aigues Mortes)

 

Die Korsaren Columbus

Gemäss Hernando Colón kämpfte Christoph Kolumbus vor seiner Ankunft auf der Iberischen Halbinsel unter dem Oberkommando eines hervorragenden Seemannes, der sowohl die Ungläubigen als auch die Feinde seines Vaterlandes bekämpft habe. Dieser habe denselben Namen wie sein Vater getragen – ein Name, der den Kindern Furcht einflösste. Tatsächlich agierten etliche französischen Korsaren unter den Übernamen Columbus: In über hundert Briefen und Berichten zwischen 1469 und 1489, verfasst von Geheimdienstagenten, ist von den französischen Korsaren namens Colombo, Collomb, Colon, Coullon etc. die Rede. Wie aus den secreti, den Geheimdienstberichten der Republik Venedig, hervorgeht, fühlte sich insbesondere die mächtige Handelsmetropole Venedig von diesen bedroht.
Die Geschichtsschreibung fand heraus, dass unter dem Pseudonym Columbus ein alter Kampfgenosse des französischen Königs Louis XI. aktiv war. Er stammte aus der Gascogne, hiess mit bürgerlichem Namen Guillaume de Casenove und war Vizeadmiral der französischen Atlantikflotte. Seine Flotte hatte er im Hafen von Honfleur in der Normandie stationiert. Nie wurden die Geheimdienstakten nach allfälligen Hinweisen auf Christoph Kolumbus durchsucht: Zu sehr widersprachen die einst gefürchteten Korsaren dem im 19. Jahrhundert stark idealisierten Entdeckerbild.

König Louis XI. von Frankreich leitet eine Sitzung des Ordens
vom heiligen Michael, B.N. Paris
Doch es gibt Berichte, die offensichtlich auf den späteren Entdecker oder seinen Bruder hindeuten: So wird beispielsweise ein „Collumbus“ erwähnt, der am 14. Juli 1473 in der Meerenge von Gibraltar mit sechs bewaffneten Schiffen eine venezianische Flotte attackierte. Nach stundenlangem Kampf habe er die Venezianer dann nach Valencia abziehen lassen. Dieser „Collumbus“ war gemäss den venezianischen Agenten sowohl ein Mann des Emirs von Tunis (homo serenissimi regis Tunisii) als auch des französischen Königs (homo regis Francie). Im Gegensatz zum obigen Vizeadmiral war dieser „Collumbus“ für das Mittelmeer zuständig.

 

Georg Paläolog alias Columbus der Jüngere

Ab 1475 stiess ein weiterer Flottenkommandant zur Columbus-Garde: Georg Paläolog, der auch Columbus der Jüngere genannt wurde. Der französische König Louis XI. hatte ihn 1473 in Haft nehmen lassen, um ihn während zwei Jahren zum Kommandanten der französischen Flotte auszubilden (Roncière 1914, S. 377). Danach ernannte er ihn zum Marineoffizier der grossen französischen Gironde-Flotte. Gemeinsam mit dem oben erwähnten Vizeadmiral Guillaume de Casenove kämpfte er in den Rosenkriegen gegen den englischen König Eduard von York und half mit, den neunjährigen Frieden von Picquigny (1475—1484) herbeizuführen. Hernando Colón schreibt, dass Christoph Kolumbus später „lange Zeit in der Gesellschaft Columbus' des Jüngeren gesegelt“ sei. Dieser sei ‚der Jüngere’ genannt worden, um ihn von seinem berühmt-berüchtigten älteren Namensvetter zu unterscheiden (Guillaume de Casenove).

Beladung der Kriegsschiffe, Miniatur 1488, B. N. Paris
Georg Paläolog, der auch die Beinamen „Bissipat“ oder „der Grieche“ trug, entsprang der byzantinischen Herrscherdynastie der Paläologen (seit 1453 aus Konstantinopel vertrieben). Da die Nachkommen des letzten byzantinischen Kaisers bekannt sind, stammte er wahrscheinlich aus derjenigen Seitenlinie, der die Grafschaft Montferrat nördlich von Genua gehörte. Columbus der Jüngere wird in den venezianischen Geheimakten oft zusammen mit „complices, colligati“ und „servidori“ erwähnt; ab und zu ist auch von einem Nicolò oder Giovanni Griego die Rede - zwei weitere Byzantiner, die damals im Dienste Frankreichs standen (Salvagnini, 1894, S. 176).
 

Schiffbruch bei Sagres 1476

 

Alfons V. mit seinem Sohn Joao II. im
Hintergrund, N. Gonçalves, Lissabon

Im Frühsommer 1476 zogen die Engländer aus der Normandie ab und der französische Vizeadmiral und Columbus der Jüngere brachen aus der Normandie in Richtung Iberische Halbinsel auf. Dort war im Vorjahr der Erbfolgekrieg um Kastilien ausgebrochen und der französische König hatte Portugal militärische Unterstützung versprochen.
Der Krieg um Kastilien war allerdings bereits entschieden: König Ferdinand von Aragon hatte Alfons V. von Portugal bei beim Städtchen Toro am Duero 1475 vernichtend geschlagen. Den französischen Korsaren Columbus verblieb nun der Auftrag, den besiegten portugiesischen König Alfons V. mit einem Teil seiner Flotte und seines Hofstabes von Lissabon nach Frankreich zu eskortieren. Dies war keine leichte Aufgabe, denn der Weg führte durch die von Ferdinand von Aragon kontrollierte Meeresenge von Gibraltar.


Seeschlacht, Miniatur um 1488, B. N. Paris
Als der französisch-portugiesische Konvoi im Sommer 1476 den südwestlichen Zipfel Portugals erreichte, stellten sich ihm beim Kap von San Vicente gegnerische Schiffe entgegen. Diese eröffneten das Feuer und es kam zu einer stundenlangen Seeschlacht mit Hunderten von Toten. Gemäss Hernando Colón kämpfte Christoph Kolumbus auf französischer Seite mit. Er sei mit einer grossen Galeasse verhakt gewesen, als sein Schiff Feuer fing und er sich gezwungen sah, an die Küste zu schwimmen. Kolumbus selbst bezeichnet die Seeschlacht später als den Ursprung seiner „wundersamen Ankunft“ in Portugal. Was er nicht erwähnt, ist dass er in dieser Seeschlacht gegen die eigenen Landsleute kämpfte. Die grosse Galeasse gehörte nämlich Herzog Karl dem Kühnen von Burgund und die Mannschaft bestand unerwarteterweise aus der Republik Genua; einzelne Begleitschiffe befanden sich im Besitz der Genueser Kaufleute Spinola und Di Negro.

Kap von San Vicente, skizziert
während des Angriffs von Francis
Drake 1578

 

Hintergründe einer Seeschlacht

Galeazzo Maria Sforza, der Herzog von Mailand und der Oberbefehlshaber der Republik Genua, wäre eigentlich mit Louis XI. von Frankreich verschwägert und verbündet gewesen. Wie konnte es dennoch dazu kommen, dass im Sommer 1476 am Kap von San Vicente Genuesen bzw. Savonesen der Flotte Frankreichs entgegen traten? Wenig bekannt ist, dass der Herzog Galeazzo Maria Sforza kurz vor dem bedauernswerten Zwischenfall an der Algarve ein Bündnis mit dem Erzfeind des französischen Königs, mit Herzog Karl dem Kühnen von Burgund, geschlossen hatte; der Grund war, dass Burgund damals in den Burgunderkriegen gegen die Eidgenossen rüstete, welche auch die Lombardei bedrohten. Der Herzog von Mailand schlug kurz vor der Seeschlacht in Savona einen Aufstand nieder und schickte die gefangen genommenen Savonesen im Sommer 1476 auf der burgundischen Galeasse nach Portugal. In Spanien angekommen, rüstete der siegreiche Ferdinand von Aragon die Flotte zusätzlich aus.
Auch die Venezianer setzten übrigens alles daran, die französische Atlantikflotte vom Mittelmeer fernhalten - in den Geheimdienstakten der damaligen Grossmacht findet sich der Auftrag, die Korsaren Columbus ermorden zu lassen (der Auftrag schlug allerdings fehl). Frankreich hatte es mit der starken Allianz Aragon-Venedig-Burgund zu tun.


Galeazzo Maria Sforza, Herzog von
Mailand, A. del Pollaiuolo, Uffizien, Florenz


Herzog Karl der Kühne von Burgund, B. N. Paris

 

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